Bislang noch nicht erlaubt: Welches Potenzial haben virtuelle Weidezäune?
Virtuelle Weidezäune sind aus verschiedenen Gesichtspunkten sinnvoll, allerdings rechtlich umstritten. Ein Expertenteam hat die Lage analysiert und gibt Handlungsempfehlungen ab.
- Hintergrund zur Untersuchung
- Wie funktionieren virtuelle Weidezäune
- Tierwohl und rechtlicher Rahmen
Virtuelle Weidezäune sind teils umstritten. 21 Autorinnen und Autoren, unter anderem vom Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN), haben nun den Stand der aktuellen Forschung zum Thema ausgewertet. Überdies verfügt das FBN für die eigene Forschung über eine rund vier Hektar große Versuchsweide, auf der digitale Technologien für das Weide- und Herdenmanagement unter praxisnahen Bedingungen getestet werden. Das Autorenteam gibt aufgrund der Ergebnisse Handelsempfehlungen ab und fordert rechtliche Regelungen für den Einsatz als Ergänzung zu klassischen Weidezäunen.
Wie funktionieren virtuelle Weidezäune?
Bei virtuellen Zäunen werden Weidegrenzen nicht durch Pfähle und Zaunlitzen, sondern digital festgelegt. Die Tiere tragen Halsbänder, die ihre Position satellitengestützt erfassen. Nähern sie sich einer virtuellen Grenze, ertönt zunächst ein akustisches Warnsignal. Reagiert ein Tier darauf nicht und überschreitet die Grenze, folgt ein kurzer elektrischer Impuls. Studien zeigen laut den Autoren, dass Weidetiere die Verbindung zwischen Warnsignal und Grenze in der Regel innerhalb weniger Tage erlernen und die elektrischen Impulse anschließend weitgehend vermeiden können.
Tierwohl und rechtlicher Rahmen im Fokus
Wegen der elektrischen Impulsabgabe ist die Technologie tierschutzrechtlich sensibel. Die ausgewerteten nationalen und internationalen Untersuchungen lassen nach Einschätzung des Autorenteams im Vergleich zu konventionellen Elektrozäunen jedoch keine langfristigen negativen Auswirkungen auf Tierwohl und Tiergesundheit erkennen. Kurzfristige Beeinträchtigungen können bei beiden Zaunsystemen auftreten, wenn ein elektrischer Impuls ausgelöst wird. Gleichzeitig erachten es die Experten als wichtig, die Anwendung unter realen Bedingungen wissenschaftlich weiter zu begleiten. „So können wir nicht nur mögliche Auswirkungen auf Tierwohl und Verhalten langfristig untersuchen, sondern auch die Potenziale der Technologie für ein flexibles Weidemanagement und ein präzises Tiermonitoring besser erschließen“, so Dr. Jan Langbein vom FBN.
Eine reguläre kommerzielle Nutzung virtueller Zaunsysteme mit elektrischer Impulsabgabe ist in Deutschland derzeit rechtlich nicht zulässig. Das Autorenteam empfiehlt, virtuelle Zäune grundsätzlich als Ergänzung zu konventionellen Zäunen zu ermöglichen. Auf feste Außenzäune soll nur in begründeten Ausnahmen, etwa auf Deichen oder im alpinen Raum, verzichtet werden können. Die Halsbandsysteme bieten zugleich zusätzliche Möglichkeiten für das Tiermonitoring: Positions- und Aktivitätsdaten können helfen, Veränderungen im Verhalten frühzeitig zu erkennen.
Die Handlungsempfehlungen können auf der Internetseite des Thünen-Instituts als PDF heruntergeladen werden.
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Foto: FBN