Warum nicht krumm und fleckig?

Über 20 Jahre lang galt: Es kommt auf die äußeren Werte an. Die Rede ist von der EWG-Verordnung 1677/88, besser bekannt als “Gurkenverordnung”. In ihr werden die Merkmale für Qualitätsgurken festgelegt, die dann auch als solche in unserem Wirtschaftsraum verkauft werden dürfen.

Seit 2009 gilt diese Verordnung nicht mehr, mit ihr wurden auch Regelungen für andere Erzeugnisse wie zum Beispiel Äpfel, Birnen oder Salatköpfe gekippt. Sichtbar ist dies nicht, da sich die meisten Händler nach wie vor an die Bestimmungen halten und entsprechend aussortieren. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass es Versuche gab, entsprechendes Obst und Gemüse unter den Verbraucher zu bringen. Doch obwohl die meisten Menschen beteuern, auch Äpfel mit Flecken kaufen und essen zu wollen, sahen die Umsätze anders aus. Folglich kehrte der Handel automatisch zu den genormten Exemplaren zurück.

Spannend ist, was bei unseren Nachbarn in Großbritannien gerade geschieht. Dort haben Trockenheit und Stürme dazu geführt, dass teilweise fast die Hälfte der Ernten eingingen. Aus der Not heraus entwickelte sich ein Konzept: Die Supermarktkette Sainsbury’s bietet nicht der Norm entsprechendes Obst und Gemüse vergünstigt an und geht demonstrativ mit dem Leitspruch “We love ugly fruits and veg” (Wir lieben hässliches Obst und Gemüse) voran. Eine intensive Zusammenarbeit mit den einheimischen Landwirten stellt sicher, dass die Kunden stets genug Obst und Gemüse aus britischem Anbau zur Verfügung haben. Erreicht wird durch das Verzichten auf die Schönheits-Ideale nicht nur die Versorgung der Bürger, sondern auch die Unterstützung der eigenen Landwirtschaft. Die Resonanz der Kunden ist durchweg positiv, da es keine Verlierer zu geben scheint.

Woran liegt es, dass sich dieser Nachhaltigkeits-Gedanke bei uns nicht durchgesetzt hat? Braucht es erst einen Engpass an Erzeugnissen, um Verbrauchern vor Augen zu führen, dass Obst und Gemüse schmecken und gesund sein müssen, statt makellos auszusehen? Ein bewussteres Kaufen ist möglich, wenigstens das lässt sich bei unseren Nachbarn erkennen. Würden Sie als Verbraucher oder Produzent das auch wünschen?

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