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“Man muss manchmal den Mut haben anzuecken”

Zum zweiten Mal haben wir mit einem Blogger über das Marketing im Internet und Social Media gesprochen. Wir fragten Jürgen Krenzer – Gastwirt, Hotelier, Autor und Referent – nicht nur nach seinen persönlichen Erfahrungen, sondern wollten auch wissen, was Landwirte mit Blogs bewegen könnten. Und wie wichtig Authentizität bei der Selbstdarstellung im Internet ist.

Jürgen, welche Gründe waren für dich ausschlaggebend, deinen Blog zu starten?

Begonnen habe ich 2008 mit einem Tagebuch anlässlich meines Babyjahres. Als ich dann nach einem Jahr das Tagebuch einstellen wollte, bekam ich viele Mails und Anrufe, dass ich weitermachen solle. Also habe ich mich Anfang 2009 entschlossen, den Blog zu starten.
Denn unsere Gäste interessieren sich nicht nur für Zimmerausstattung und Speisekarte. Sie wollen wissen, wer die Person ist, die dieses Hotel führt.
Manchmal kommt es sogar vor, dass die Gäste, die meine Blog-Posts und Twittermeldungen verfolgen, besser informiert sind als meine Frau, wo ich gerade bin oder was ich gerade mache.
Leider flüchten sich viele Hoteliers in die Anonymität. Ich finde es schade, wenn der Gast nur aus dem Impressum erfahren kann, wer der Inhaber ist.

Wie viel Aufwand hast du in der Woche etwa mit dem Blog?

Da ich nicht täglich einen Blogartikel schreibe, komme ich mit einer halben bis einer ganzen Stunde pro Woche hin.

Übernachtung im Schäferwagen und Apfel-Sherry sind nur zwei deiner ausgefallenen Ideen. Denkst du, dass Blogleser besonders offen für solche Ideen sind und dies sogar erwarten?

Gäste, die im Schäferwagen übernachten oder eine Apfelweinprobe buchen, sind sicher aufgeschlossene Typen. Ich ziehe mit dem Blog sicher die Gäste an, die das Unkonventionelle suchen und die ich über den Blog auch emotional anspreche.

Kommen auch Gäste gerade aufgrund deiner Berichte im Blog zu dir?

Das ist durchaus schon vorgekommen. Hier zählt dann auch das Zusammenspiel von originellen Produkten und einer gelungenen Präsentation. Die Leute spüren „Da ist Bewegung drin. Da muss ich einfach mal hin.“
Wer selbst hergestellte Produkte anbietet, hat ja fast täglich etwas zu berichten. Auch Journalisten schreiben gerne über solche Produkte. Was wiederum für mehr Zugriffe auf Blog und Website sorgt.
Außer dem Blog nutze ich auch Xing, Facebook und Twitter, um die Leute auf dem Laufenden zu halten. Damit spreche ich die Leser emotional an.
Auf der anderen Seite dient Social Media aber auch der Verifikation. Ich braue ja zum Beispiel auch selbst Bier, das Krenzer 40. Dabei könnte ich keine Bilder vom Bierbrauen einstellen, wenn ich es nicht wirklich selbst mache.
Social Media kann nur nutzen, wer es wirklich ernst meint. Die Leser spüren sehr schnell, ob jemand authentisch ist. Meine Aufgabe als Produzent ist es auch, mehr Power in die Präsentation zu stecken. Damit die Leute mehr über unser Handwerk erfahren.

Was fasziniert die Gäste so an deinem Blog, dass sie ins Rhönschaf-Hotel kommen?

Wir erreichen über den Blog die web-affinen Kunden. Die Gäste kommen schon bestens informiert zu uns und ich kann sie ganz anders abholen. Denn die Gäste können mich als Typ einschätzen. Ihr erstes Urlaubserlebnis ist ja schon, die Person kennenzulernen, die die Blog-Posts geschrieben hat.
Dies ist übrigens unabhängig vom Alter der Gäste. Ich habe auch keine Scheu davor, „heiße“ Themen anzupacken und grenze mich nicht von brenzligen Themen ab. Wie zum Beispiel bei einem Blogbeitrag über das Gaga-Radio der Privaten Sender oder über die Dachmarke Rhön. Man muss manchmal den Mut haben anzuecken. Das bringt natürlich auch Leser! Weil es ehrlich ist. Die Gäste müssen nicht immer der gleichen Meinung sein. Aber sie können mich besser einschätzen.

Die Rhön gehört ja als Urlaubsziel eher zu den Geheimtipps. Tragen nach deiner Erfahrung auch die regionalen Produkte wie Apfel- und Lammspezialitäten dazu bei, dass die Region auch für Tages- und Übernachtungsgäste anziehender wird?

Klar, das bringt Vorteile für beide Seiten.
Weil inzwischen auch andere Berufe bloggen, wie ein Metzger, ein Apfel-Sommelier und ein Marketing-Experte, sind unsere Produkte und damit die Region auch öfter in den Medien präsent.

gruuna ist ein Portal für den landwirtschaftlichen Handel: Was wären aus deiner Sicht für einen Landwirt Gründe, einen Blog zu starten?

Landwirte hätten doch so viel zu erzählen. Sie sind sehr nahe am Prozess des Wachsens und Gedeihens. Sie könnten die Leute daran teilhaben lassen, wie ein Produkt entsteht.
Viele Menschen haben es auch verlernt, mit den Jahreszeiten zu leben. Als Landwirt erlebt man die Jahreszeiten intensiver. Das mag jetzt romantisch klingen. Aber seit ich Äpfel anbaue, mache ich selbst diese Erfahrung.

Welche Tipps hast du für Landwirte, die einen eigenen Blog starten möchten?

Ich bin mir sicher, dass bloggende Landwirte auf große Resonanz stoßen würden. Dabei rate ich jedem, mit einem Blog anzufangen und erst mit einiger Erfahrung auch auf Twitter oder Facebook aktiv zu werden.
Ganz einfach mit kleinen Geschichten anfangen, auch einmal von der Familie erzählen oder was man schon alles erlebt hat. Dabei sollte sich niemand von der Angst abhalten lassen, nicht texten zu können.
Es muss nicht perfekt sein. Und man lernt mit jedem Artikel dazu.

Jürgen Krenzer betreibt die Internetseite rhoenerlebnis.de. In der Wirtsstube seines Rhönschaf-Hotels „Krone“ setzt er konsequent auf regionale Spezialitäten der Rhön. Zu seinen Projekten gehören außerdem eine Schau-Kelterei und eine Apfel-Sherry-Manufaktur.
Sein Blog bietet eine Mischung aus privaten Berichten und geschäftlichen Neuigkeiten.

Unser erstes Interview mit einem Blogger – dem Winzer Harald Steffens – finden Sie hier.

Ein Gedanke zu „“Man muss manchmal den Mut haben anzuecken”

  • Du sprichst mir aus der Seele, Jürgen!

    Bloggen gibt auch die Gelegenheit mal im Trubel des Geschäfts ein paar Minuetn inne zu haten und über sich und die Dinge um sich herum nachzudenken.

    Und: wer liebt schon nicht die Geschichtenerzähler! Ich denke auch, dass gerade Landwirte und vor allem Direktvermarkter besonders viele interessante, lustige, nachdenkliche Geschichten zu erzählen hätten. Dies öffentlich zu tun brächte Vortele für alle. Transparenz für die Branche und letztlich auch nachhaltige Geschäftsbeziehungen.

    Alexander

    Antwort

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