Geflügelexperte über Hühnerrassen: „Hobby-Züchter können viel für kommerzielle Züchter tun“

Geflügelexperte Robert Brungert über die Vorteile und Herausforderungen mit alten Hühnerrassen.

In Deutschland gibt es etwa 180 anerkannte Hühnerrassen. Während in der kommerziellen Zucht fast ausschließlich Hybridhühner zum Einsatz kommen, befassen sich Hobby-Züchter damit, alte Hühnerrassen zu erhalten. Robert Brungert aus Nordrhein-Westfalen betreibt zusammen mit Heiko Fröhlich eine Geflügelzucht in Münsingen in Baden-Württemberg. Auf der Website huehner-hof.com vermitteln sie Grundlagenwissen für angehende und erfahrene Hühnerhalter. Brungert sieht in der Zucht alter Rassen auch eine Chance für kommerzielle Geflügelbetriebe, wie er im Interview erklärt.

Inwiefern sind alte Hühnerrassen für die Geflügelzucht wichtig?

Robert Brungert: Die alten Hühnerrassen haben alle ihre speziellen Eigenschaften, wie zum Beispiel die Anpassung an eine Region oder an die Haltungsform. Sie haben zudem unterschiedliche Leistungsmerkmale: Die Rheinländer zum Beispiel legen im Winter und die Westfälischen Totleger bis ins hohe Alter. Einstige Wirtschaftsrassen sind deswegen der Genpool für heutige und künftige Kreuzungen.

Sind alte Rassen demnach aufgrund der vielfältigen Eigenschaften auch eine Alternative für kommerzielle Betriebe?

Ja klar! Dabei können Hobby-Züchter viel für die kommerzielle Zucht tun. Sie leisten die Vorarbeit durch den Erhalt der alten Wirtschaftsrassen. Diese werden nicht nur auf einen Rassestandard optimiert. Seriöse Züchter versuchen die Blutlinie aufzufrischen, damit Inzucht-Defizite nicht vorkommen. Die kommerziellen Züchter wollen Leistung und stabilisieren eine eigene Leistungslinie oder sie stabilisieren Elternlinien für die Hybridzucht. Die Elternlinien müssen hierfür mit den entscheidenden Merkmalen reinerbig sein, damit sie diese in jedem Fall an die F1-Generation weitergeben.
Andererseits: Die kommerziellen Hühnerhalter haben mit ihren Zuchtlinien oder Hybriden die bessere Leistung, wodurch die eigentliche Rasse wegen Desinteresse zurückgedrängt wird. Das erschwert wiederum die Zuchtarbeit der verbleibenden Hobby-Züchter. Deswegen müssten eher die kommerziellen Züchter etwas für die Hobby-Liga machen.

Wie kommt der Kontakt zwischen Hobby-Züchtern und kommerziellen Züchtern zustande?

Hier gibt es sehr unterschiedliche Möglichkeiten. Viele Hobby-Züchter haben eine eigene Website oder vernetzen sich im Geflügelverein. Die meisten Hühnerrassen werden durch ihren eigenen Sonderverein betreut. Dessen Mitglieder leben häufig im ganzen Bundesgebiet und können die Bruteier oft nur per Versand tauschen. Dann gibt es noch Ausstellungen. Doch die Ausstellungstiere sind eher auf die äußere Erscheinung optimiert und für kommerzielle Züchter nur eine erste Zuchtbasis. Auch der Kontakt im Landwirtschaftshandel beim Futterkauf wäre denkbar.

Worauf muss man bei der Zucht alter Rassen achten?

Immer dann, wenn nur noch wenige Züchter gewissenhaft an ihrer Rasse arbeiten, ist das allerwichtigste der Tausch guter Zuchttiere oder Bruteier. Je weniger Zuchttiere es gibt, um so höher sind auch die Defizite in Erscheinung und Leistung zu erwarten. Mit zunehmenden Beständen und guter Zuchtarbeit wäre das schnell wieder vergessen. Gerade bei bedrohten Hühnerrassen geht es also um den Erhalt der Zuchtbasis.

Gibt es Herausforderungen, mit denen sich speziell Züchter alter Rassen konfrontiert sehen?

Die Bestände sind meistens übersichtlich und deswegen sind Förderungen durch den Staat wohl eine Seltenheit. Es gibt jedoch Hersteller von Ausrüstung oder Futtermitteln, die einen Verein oder Züchter sponsern. Hobby-Züchter zahlen also meistens aus eigener Tasche. Das eigentliche Problem sind behördliche Auflagen wie die Stallpflicht bei Vogelgrippe. Der Auslauf rechtfertigt einen kleinen Hühnerstall, der dann zu klein ist. Außerdem gibt es die Impfpflicht gegen die Newcastle-Krankheit. Dabei organisieren sich die meisten Züchter über ihre Vereine. Diese informieren auch über die Meldepflicht beim Veterinäramt und der Tierseuchenkasse.

Welche Zielgruppe wird mit alten Rassen angesprochen?

Das kommt auf die Anforderungen, aber sogar auch auf die Region an. Es kann sich um Aussteller handeln, die um die höchste Punktzahl kämpfen. Oder es sind Selbstversorger, die zugleich noch eine alte Rasse vor dem Aussterben schützen wollen. Einige Rassen wie das Augsburger Huhn werden mit rauem Wetter sehr gut fertig. Dann gibt es andere wie die Kraienköppe, deren Hähne die Hennen selbst gegen den Hühnerhabicht verteidigen. Oder die Besucher sollen einige Tiere auf dem Anwesen vorfinden. Barnevelder wären ein gutes „Vorzeige-“ oder Familienhuhn. Fürs Auge wären aber wohl Appenzeller Spitzhauben, Seidenhühner oder Brahmas interessanter. Dann gibt es Bauern mit Hofläden, die eine robuste alte Rasse mit Hennen und Bruderhähnen mit einem Hühnermobil oder kleinen Hühnerstall auf der Weide halten. Eier und Fleisch aus eigener Produktion verkaufen sich immerhin besser.

Foto: privat

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