Warum mögen Medien die Landwirtschaft nicht?

Ein Austausch auf seriösem Niveau zwischen Agrar- und Medienbranche findet statt, von Zeit zu Zeit, meistens nicht.

Eine Analyse von Michi Jo Standl

Medien und die Agrarbranche stehen auf „Kriegsfuß“. An der Landwirtschaft liegt es nicht, die tut ihre Arbeit. Es hat den Anschein, für Zeitungen, Magazine und TV-Sender ist es ein trendiges Spiel, sich in regelmäßigen Abständen auf Deutschlands Landwirte zu stürzen. Ist es wirklich nur ein Trend, der vielleicht wieder vorübergeht? Oder müssen wir in Zukunft damit leben, dass landwirtschaftliche Produktion, die ja auch Journalisten und Verleger satt macht, „schlecht“ ist?

Natürlich könnte man die fast in Stein gemeißelte und über Generationen geltende Gesetzmäßigkeit „bad news are good news“ bemühen. Doch wenn man die Arbeitsabläufe in Redaktionen differenziert betrachtet, wird schnell klar, dass einerseits wirtschaftliche Aspekte und andererseit ganz lapidare Ursachen für die einseitige Berichterstattung über die Landwirtschaft eine Rolle spielen können.

Man stelle sich vor: Redaktionssitzung bei einer großen Tageszeitung. Am Besprechungstisch nehmen nicht nur gestandene Journalisten Platz, sondern auch Volontäre und Jungredakteure, die noch mehr Student sind als objektiver Medienmacher. Wie stellt sich ein „Laie“ einen solchen Jungspund 2016 vor? Hipster mit Hornbrille und Vollbart? Schicke Mädchen, die aus der Studienzeit noch PETA-Mitglied sind, weil man es als Studentin cool findet, für die Rechte der Tiere zu kämpfen? Natürlich ist Pauschalisierung völlig daneben, aber irgendwie denkt der Branchenfremde in die tatsächliche Richtung. Der junge Redakteur und die stolze Volontärin wollen sich beweisen. Eine tolle Geschichte muss her. Was scheinbar in Deutschlands Ställen vorgeht, weiß man noch aus Unizeiten. Man hat ja genug Flyer zugesteckt bekommen und an genug Demos teilgenommen. Die Recherche beginnt, ausgehend vom im Laufe der Zeit angeeigneten Halbwissen. Der Ressortleiter segnet die fertige Geschichte oder redigiert sie grammatikalisch. Und schon ist die aufsehenerregende Story im Blatt.

Landwirte uninteressant für Werbetreibende?
Eine gewisse Rolle spielt sicher auch der Kampf der Verlage. Die Anzeigenkunden wollen Auflage sehen. Wer sind die Kunden der Publikumsmedien? Handyanbieter, Modelabels und Autohersteller. Wen wollen die Werbeagenturen der Unternehmen ansprechen? Die urbane Gesellschaft. Hipster, gerne mal vegan, die jedes Jahr ein neues Smartphone „brauchen“, und Businessleute sind das Ziel. Der Gedankengang vermittelt das Gefühl, junge, gediegene Landwirte sind für die Werber uninteressant. Natürlich nehmen Chefredakteure, Ressortleiter und Mediaberater bei den zahlreichen Redaktionspartys und Verlagsevents das Angebot der Caterer ungeprüft wahr. Fleisch in seinen vielfältigen Zubereitungsarten ist ja auch etwas Feines. Doch wenn es ums Geschäft geht, dann doch lieber hip und angepasst. Medien kämpfen ums Überleben, die Landwirtschaft übrigens auch. Und sie macht Journalisten, Verleger und überhaupt alle satt.

Dieser Artikel strotzt vor Klischees, Verurteilungen und Pauschalisierungen. Ich habe ihn einfach geschrieben. Ohne Statistik, wie hoch der Anteil der Veganer in Medienhäusern ist, wer in letzter Zeit negative Artikel über die Landwirtschaft geschrieben hat, Volontäre oder gestandene Wissenschaftsjournalisten. Und ob Verlage wirklich nicht wissen, wo das Essen des Caterers herkommt. Auch nicht, ob Hipster öfter das Handy wechseln als Landwirte. Liebe Journalisten, Pauschalisierung ist nicht gut, auch nicht bei Artikeln über Landwirtschaft. Professionelle Recherche verlangt das Gespräch mit allen Seiten und die Beleuchtung aller Aspekte.

Michi Jo Standl ist freier Journalist und schreibt regelmäßig für gruuna.com

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